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CEDANT: Centro di studi e ricerche sui Diritti antichi Bericht vom Terzo Collegio di diritto romano: 'Testi e problemi del giusnaturalismo romano', unter der Leitung von Professor Dr. Aldo Schiavone (Università di Firenze). Pavia 2005. |
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1. Für vier Wochen im Jahr wird Pavia zum Treffpunkt des romanistischen Nachwuchses in Europa. Seit nunmehr drei Jahren organisiert Professor Dr. Dario Mantovani das Collegio di diritto romano des CEDANT, und es ist längst eine Institution [1]. Die Gründe für den Erfolg sind vielfältig. Sie reichen von den hervorragenden Lebens- und Arbeitsstrukturen des Collegio Borromeo über die inhaltliche Abstimmung und Kohärenz der Vorträge, die sorgfältige Auswahl der Stipendiaten, hin zu dem fast übermenschlichen Engagement von Professor Mantovani und seinen Mitstreitern, vor allem Frau Dr. Donatella Zoroddu. Auch für das diesjährige Thema "Testi e problemi del giusnaturalismo romano" ging das Konzept voll auf. Die Breite des Themas wurde durch die unterschiedliche Schwerpunktsetzung der drei Januarwochen begrenzt. So war die erste Woche (10.-14.01.2005) den philosophischen und rhetorischen Grundlagen des "giusnaturalismo dalla Grecia a Roma" gewidmet. In der zweiten Woche ging es um Argumente aus der Natur und naturrechtliche Konzepte bei einzelnen Juristen, vor allem der Früh- und Hochklassik, wobei auch die Interpolationenkritik an den Termini "equità natura ius" thematisiert wurde (17.-21.2005). Eine Vertiefung auf das spätklassische Naturrecht sowie eine Reflexion der aktuellen Naturrechtsdebatte standen auf dem Programm der dritten Woche (24.-28.01.2005: "Governo e ragione naturale"). Im September (07.-10.09.2005) werden die TeilnehmerInnen ihre eigenen Forschungsergebnisse zu Aspekten des "giusnaturalismo" vorstellen. Alle Beiträge werden in einer Publikation zusammengefasst. 2. Zur Einführung in die Thematik erinnerte der diesjährige wissenschaftliche Betreuer des Collegio, Professor Dr. Aldo Schiavone (Università di Firenze) daran, dass die Technizität des römischen Rechts der Berücksichtigung naturrechtlicher Argumente nicht entgegensteht. Es handele sich um einen fälschlich aufgebauten Widerspruch, der schon aufgrund des greifbaren Einflusses von Philosophie und Rhetorik in der spätrepublikanischen Jurisprudenz nicht zu halten sei. Aufgabe des Collegio sei es, diese Beeinflussung und ihre Grenzen sowie die Besonderheiten des römischen Naturrechtsgedankens darzustellen und zu erfassen. Als Ausgangspunkt dieser Beschäftigung standen in der ersten Woche die Grundlagen der griechischen Naturrechtslehre auf dem Programm. Sie wurden vermittelt von Frau Professor Dr. Ada Neschke-Hentschke (Université de Lausanne) und Professor Dr. Giuseppe Cambiano (Scuola Normale Superiore, Pisa). Frau Professor Neschke, die zunächst die Ansätze des europäischen Naturrechts bei Plato vorstellte, betonte als platonische Innovation die Berufung auf die Vernunft (idios) als rechtsschöpfende Kraft ("Il fondamento del giusnaturalismo europeo: Platone"). Damit ergebe sich eine neue Deutung des Verhältnisses von Recht und Natur, die sich dem Positivismus der Sophisten entgegenstelle. Die aristotelische Deutung der Sophoklesschen Tragödie "Antigone" stand im Zentrum des ersten Vortrages von Professor Cambiano ("Il giusnaturalismo greco: L’Antigone di Sofocle e le leggi non scritte".). Cambiano erläuterte vor allem die Facetten der Opposition von lex scripta (gegrammenon) und non scripta (agraphon) sowie das bei Aristoteles anklingende Problem der für den Menschen immanten Erkennbarkeit (manteúontai). Eine weitere Lektion war der Analyse der Unterscheidung von physikon dikaion und nomikon dikaion im 5. Buchs der Nikomachischen Ethik gewidmet, wobei Cambiano die enge Verzahnung beider Konzepte betonte ("Il giusnaturalismo greco: Aristotele"). Die zweite Lektion von Frau Professor Neschke, "Il fondamento del giusnaturalismo europeo: Platone e gli stoici", behandelte nicht nur die in der platonischen Kosmologie liegenden Grundlagen der stoischen Philosophie (anima), sondern auch die Gesetzeskonzeption (praktische Vernunft) und das Verhältnis von natura und politischer Organisation (Kritik) bei den Stoikern. Die Natur erscheine hier selbst als Quelle des Rechts und könne daher auch als Argument zur Überwindung des positiven Rechts dienen. Die Rezeption dieser Lehren bei den Rhetoren stand im Zentrum des Vortrags von Professor Dr. Jean-Louis Ferrary (École pratique des Hautes Études, Paris). Unter dem Titel "La ricezione romana tra filosofia e retorica" ging er der Frage nach, inwieweit die Natur bei Cicero, Quintilian und dem Auctor ad Herennium als Rechtsquelle erscheint. Ferrary konnte u.a. zeigen, dass sich das Verhältnis von ius und natura - wahrscheinlich unter dem Einfluss der stoischen Philosophie - kontinuierlich verändert. Dies führt nach seinen Darlegungen auch zu im einzelnen weiter zu untersuchenden Verschiebungen für die Definitionen des ius gentium, des mos und der auctoritas. Der politischen Funktion des Naturrechtsgedankens in Rom waren die beiden letzten Vorträge der ersten Woche gewidmet. Professor Dr. Emilio Gabba (Università di Pavia) betrachtete die Legitimation der römischen Eroberungskriege bei Polybios, der eine Verbindung zwischen der Prägung und Verteidigung ethischer Prinzipien und der Vormachtstellung einer Person und eines Staates herzustellen scheint. Gabba machte wahrscheinlich, dass die bei Cicero anklingende Konzeption der utilitas publica keine ciceronianische Übertreibung, sondern wohl ein weiter verbreitete Ansicht darstellte. Die Herrschaftskritik war Thema des letzten Vortrages dieser überaus reichen ersten Woche von Professor Dr. Andrea Giardina (Università di Roma ‚La Sapienza’) der unter dem Titel "La ricezione romana: Seneca. La relazione tra philosophia e politica" das Spannungsverhältnis von Philosophie und Recht bei Seneca untersuchte, das er vor allem anhand der Beziehung Senecas zu Nero und seiner Opposition zu Claudius beleuchtete. Die Analyse spezifisch juristischer Quellen der Früh- und Hochklassik in der zweiten Woche sollte mit einem Vortrag von Professor Dr. Antonio Mantello (Università di Roma "La Sapienza") beginnen, der leider entfallen musste, den Stipendiaten aber freundlicherweise als Manuskript zur Verfügung gestellt wurde. Der Beitrag unter dem Titel "Natura e diritto da Servio a Labeone" geht unter anderem auf die Unterscheidung zwischen der aequitas civilis und der aequitas naturalis, wie sie bei Labeo insoweit in Übereinstimmung mit Cicero häufiger thematisiert wird. Ebenfalls die labeonische Konzeption der aequitas untersuchte Professor Dr. Mario Bretone (Università di Bari) in seinem Vortrag "Labeone e l’ordine della natura". Bretone unterschied vier Funktionen der aequitas. Sie ermögliche einerseits eine Entscheidung zwischen mehreren gleich annehmbaren Lösungen und entspreche insofern der veritas. Die "aequitas descrittiva" verbessere die Annäherung an den Einzelfall und diene damit - wie die hermeneutische aequitas im Zusammenhang mit Semantik und Analogie - als Stützargument bei der notwendig provisorischen juristischen Definition. Vor allem aber sei die aequitas das "paradigma giusnaturalistico", mithilfe dessen die utilitas communis angestrebt werde. Ausgehend von den Begriffen naturalis aequitas und naturalis ratio untersuchte Professor Dr. Wolfgang Waldstein (Universität Salzburg) am folgenden Tag "Equità e ragione naturale nel pensiero giuridico del I sec. d.C.". Waldstein betonte die rechtsbegründende und die rechtskritische Funktion der Ausdrücke vor allem bei Celsus. Die Anerkennung wie die Erkenntnis der aequitas als normativer Ordnung sei für die Juristen im Rahmen ihrer intuitiven Rechtsfindung (Kaser) eine Selbstverständlichkeit. Die methodischen Fragen der aequitas bei Celsus und Julian standen im Mittelpunkt des Vortrages von Professor Dr. Michel Humbert (Université Paris II) am Nachmittag desselben Tages. Er unterschied Fiktion, Analogie und aequitas als drei durchaus vereinbare Wege zur Rechtsschöpfung und Erweiterung des bestehenden Rechts, untersuchte aber auch Konflikte zwischen Natur und Recht. Vor allem bei Julian sei erkennbar, dass die Fiktion nicht Ausdruck der aequitas, sondern des ius sei. Den Abschluss der zweiten Woche bildete die Lektion von Professor Mantovani (Università di Pavia) zum Thema "L’eclissi della natura al tempo dell’interpolazionismo". Zunächst stellt Mantovani die Vorurteile dar, die zu einer generellen Verdächtigung des Appells an die Natur oder die Natürlichkeit in der Interpolationenkritik geführt hätten, wobei er in seinen Exegesen die Fragwürdigkeit der Gesamtargumentation deutlich machte. Im zweiten Teil ging es um die - ebenfalls oft verdächtigten - Verbindungslinien von Recht und Rhetorik. Die analysierten Teile aus den declamationes maiores Pseudo-Quintilians zeigten dabei bisweilen überraschend weitgehende Übereinstimmung mit den bei den Juristen anzutreffenden Argumenten, gerade in Bereichen, in denen aus der natürlichen Beschaffenheit von Tieren (Bienen als wilde Tiere) argumentiert wird. Auf die dritte Woche verlegt wurde der thematisch zur zweiten Woche gehörige Vortrag von Professor Dr. Yan Thomas (École des Hautes Études en Sciences Sociales, Paris) zu den zahlreichen Belege aus Gaius’ Schriften, in denen dieser seine Entscheidung an der Natur als gegebener äußerer Realität oder der Natur, d.h. der Beschaffenheit der Sache, oder aber der naturalis ratio als einem weitergehenden Appell an über die Realität hinausgehende Ordnungsgesichtspunkten, orientiert. Die spätklassischen Entwicklungen sollten in der dritten Woche beginnend mit einem Vortrag von Professor Dr. Dieter Nörr (Universität München) vor allem zu Iulius Paulus betrachtet werden, der leider entfallen musste. In dem freundlicherweise in Manuskriptform zur Verfügung gestellten Beitrag "Alla ricerca della vera filosofia: scelte di valore esplicite e nascoste in Giulio Paolo" kommt Professor Nörr unter anderem zu dem Schluss, dass die Berufung auf die natura bei Paulus nicht mit einer Naturrechtskonzeption zusammenhängen dürfte, sondern ein argumentativer Topos ist, der in bestimmten Situationen Verwendung findet, ohne dass dem Juristen damit eine bestimmte philosophische Grundhaltung zugewiesen werden kann. Ulpians möglicherweise abweichende Konzeption standen sodann im Mittelpunkt der Vorträge der beiden folgenden Tage. Unter dem Titel "Precetti giusnaturalistici e ratio decidendi nei giuristi d’età severiana", ging es Professor Dr. Valerio Marotta (Università di Pavia) vor allem um die Deutung der iustitia durch Ulpian und die natura als Anwendungsprinzip in der severischen Rechtspraxis. Professor Schiavone untersuchte "Il giusnaturalismo severiano di fronte al principe legislatore" und fand vor allem bei Ulpian Ansätze einer Verteidigung des Rechts gegen den princeps durch die Betonung der naturrechtlichen Bezüge, wie sie sich auch im Selbstverständnis des Juristen als sacerdos der iustitia wiederspiegelt (D.1.1.1.1 Ulp. 1 inst.). In die moderne Naturrechtsdiskussion führte die Lektion Professor Dr. Franco Todescan (Università di Padova) zu Grotius und Pufendorf, die mit der Tavola rotonda des letzten Tages, an der unter der Leitung von Professor Mantovani, Professor Schiavone, Professor Thomas und Professor Dr. Antonio Padoa Schioppa (Università Statale di Milano) diskutierten, ebenfalls ihren Platz fand. 3. Dieser knappe Überblick kann nur einen kleinen Eindruck vom Reichtum der Argumente und Blickwinkel sowie der vorgestellten Methoden beim Umgang mit den römischen Quellen zum "giusnaturalismo" vermitteln, durch den nicht nur die Stipendiaten angeregt wurden. Dabei sei betont, dass neben der regen Diskussion, die nahezu jedem Vortrag folgte, der Meinungsaustausch auch noch bei den gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten oder in gemütlicher abendlicher Runde fortgesetzt wurde. Gerade hierin liegt eine besondere Stärke des CEDANT, die es der Struktur des Collegio Borromeo ebenso verdankt wie der Bereitschaft der meist für eine ganze Woche anwesenden Professoren, sich auch im persönlichen Gespräch mit den Stipendiaten auseinanderzusetzen. Aber auch die unterschiedliche Herkunft der beteiligten Stipendiaten, die nicht nur aus Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland, sondern auch aus Polen, Kroatien und aus Japan stammten, bereicherte die Diskussion, da die unterschiedlichen romanistischen Traditionen im freundschaftlichen Gespräch besonders deutlich erfahrbar sind. Weitaus ärmer wäre der Gedankenaustausch auch ohne die vielen Gäste des CEDANT gewesen, die sich sowohl aus ehemaligen Stipendiaten als auch aus früheren Professoren sowie aus verschiedenen interessierten Mitgliedern der Paveser wie anderer italienischer Universitäten zusammensetzten. 4. Versucht man, eine notwendig vorläufige Bilanz zum Thema "Testi e problemi del giusnaturalismo romano" zu ziehen, so zeigt sich trotz aller Vielschichtigkeit der mit diesem Globalthema angesprochenen Fragen eine gemeinsame Herausforderung nicht nur für die eingeladenen Stipendiaten. Auch wenn nämlich der pauschale Interpolationsverdacht gegen naturrechtliche Elemente in den juristischen Quellen seit längerem als widerlegt gelten muss, besteht doch Einigkeit darüber, dass auch für uns heutige die Gefahr besteht, eigene Wertungen in die Entscheidung der Quellen hineinzutragen, oder aber vorschnell bestimmte Entscheidungen der Juristen aus einer philosophischen Grundhaltung zu erklären, womit die Eigenart der juristischen Argumentation nicht ausreichend berücksichtigt wird. Notwendige Differenzierungen ergeben sich auch hinsichtlich der naturrechtlichen Zuordnung, da nicht jeder Appell an die natura oder verwandte Begriffe einem naturrechtlichen Konzept entsprechen dürfte. Vor allem bleibt die in den Vorträgen teilweise eingelöste, teilweise explizit gestellte Aufgabe, die Funktion des naturrechtlichen Argumentes weiter zu untersuchen, sei es für einzelne Juristen, einzelne Epochen der Jurisprudenz, oder für einzelne Rechtsinstitute und Methoden. Die Anregungen des Terzo Collegio di diritto romano werden daher die zukünftige Forschung der teilnehmenden Stipendiaten sicherlich auf Jahre hinaus beeinflussen. Nicht nur dafür sei den Organisatoren und Mitwirkenden auch an dieser Stelle erneut gedankt. Ulrike Babusiaux (Saarbrücken)
[1] Die Akten des ersten Jahres (2001) sind gerade erschienen: Michel Humbert (a cura di) Le Dodici Tavole. Dai Decemviri agli Umanisti, Pavia, IUSS Press 2005, pp. X-582 ISBN 88-7358-022-X.
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